Liebe Mit-Mitglieder der Akademie, Liebe Freunde der musischen Künste, Liebe Gäste,

Wenn meine Hände zittern, versteht dies bitte als Analogie zu den Blättern eines Olivenbaumes nordwestlich von Athen im Angesicht Platons, der sprach: „Der Beginn ist der wichtigste Teil der Arbeit.“ Wir haben begonnen. Mit genau diesem Wortlaut begründeten 11 Personen vor 5 Jahren und 7 Tagen (2016 war ein Schaltjahr) die Akademie der Künste Sachsen-Anhalt. Mit manchen Ideen, vielen Fragen und einigen konkreten Wünschen. Eine Gruppe von Menschen, verbunden durch ihr Kunstschaffen und eine gemeinsame Einladung, formulierte eine Akademie. Ich zitiere einzelne Stimmen von den Personen, die am 10.01.2014 zusammenkamen: Die Akademie solle zu geistigem Austausch einladen, Symposien organisieren, Formen der Kommunikation entwickeln, die Öffentlichkeit suchen, geistigen Austausch fördern, die Situation der zeitgenössischen Kunst analysieren, Missstände benennen und über die Region hinaus wirken. – Sie sei ein Bild von Sokrates und seinen Schüler*innen unter dem Olivenbaum. Tatsächlich waren bereits in der ersten sogenannten Akademie Frauen Teil des Diskurses auf dem nach einem Heroen benannten und von Platon erworbenen Hain. – Eine Akademie tritt für die Würde ihrer Mitglieder ein. Sie ist eine Mittlerin. – Akademie könne eine Form für die Freiheit sein, ein Organ für die Kunst, denn Freiheit der Kunst meint nicht die Freiheit ehrenvollen Verhungerns. Die Akademie sei ein Instrument. Sie verleiht ein Sprachrecht. – Jeder Ort könnte temporär zu einem Ort der Aktion der Akademie umgewidmet werden. Biblisch gesprochen: Die Akademie ist dort, wo wir sind. Kein Gebäude, keine Institution, keine Ortsbindung: eine Gruppe. – Die Akademie sei als Prozess zu begreifen. Wir müssten sie mit Ideen füllen. Die Struktur kommt später.

5 Jahre Akademie der Künste Sachsen-Anhalt, 4 Almanache, 3 Zeitschriften, 3 Ausstellungen, zahlreiche Akademiebier später stehe ich hier anlässlich einer Ausstellungseröffnung zu sprechen. Obwohl es bei dem erwähnten Treffen vor 5 Jahren beinahe zur Pflicht erhoben wurde, in der Akademie ehrwürdige Bärte zu tragen, kann ich immer noch keinen vorweisen, so sehr ich mich auch bemüht habe. Die Akademie ist noch immer Prozess.

Wie Raphaels Schule von Athen in den vatikanischen Stanzen suggeriert, verstehen wir unsere Akademie als ebenbürtigen Dialog auf Grundlage unserer jeweiligen Arbeit – aus unterschiedlichen Disziplinen kommend; mit unterschiedlichen Auffassungen und unterschiedlichen Hintergründen; mit sich gleichenden Fragen, mit dem Wunsch nach Auseinandersetzung und einiger Lust am Streit. Ein späterer Schüler und Erneuerer der Akademie war Cicero, der ein damaliges Schisma in der Akademie zu vereinen wusste. Drei Wesenszüge der Akademie waren für ihn als Skeptiker zwischen Rhetorik und Philosophie wichtig: Eklektizismus, Tradition und Probalismus. Ich wünsche unserer Akademie genau dieses fruchtbare Aufeinandertreffen nach wie vor gültiger Vorzüge: Eklektizismus im Sinne einer Vielfalt und Flexibilität, Tradition natürlich im Sinne eines Fortbestehens in der Zukunft, aber auch eines Blickes über die eigenen Kontexte hinaus und Probalismus, als Negation der Existenz einer allgemeinen Wahrheit, als Offenheit für die Suche und Grundlage zur Diskursfähigkeit.

Als Diskurs begreife ich auch die Reihe an Almanachen, die seit vier Jahren beginnt. Zwischen den bisher schlichten Pappdeckeln dieser Jahrbücher bündeln sich Dialoge zwischen einzelnen Stimmen unserer Zeit zu den jeweiligen Titeln. Bestritten die erste Ausgabe noch ausschließlich Mitglieder der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt, sehen wir einen zunehmend erweiterten Kreis von ausgewählten Künstler*innen, deren Beiträge diese Ausstellung darstellen. Wenn unser Almanach gerade erst beginnt etwas abzubilden – gesprochen mit Hinblick auf die Tradition, war vor einigen Monaten an gleicher Stelle eine Ausstellung zu sehen, die eben dies bereits geleistet hat: Die Edition Augenweide von Ulrich Tarlatt und Jörg Kowalski, die seit 1989 fünfzig Künstlerbücher, darunter eben dreißig Almanache umfasst.

Es gibt heute gar nicht mehr so viele Almanache. Tradierte Jahrbücher werden mit Verweis auf die Kurzlebigkeit von Informationen und der Dominanz der Internetrecherche eingestellt. Sicherlich mag aus benannten Gründen der Absatz schwinden, doch wird übersehen, welche Qualität in eben jener anachronistisch anmutenden Form liegt. Die Qualitätssicherung durch eine Redaktion, die Unveränderlichkeit physischer Erzeugnisse, das auratisch Haptische und nicht zuletzt die Reduzierung auf einige wenige Aussagen angesichts der digitalen Masse bilden einen realen Kontrapunkt, der über einem Zeitgeist steht. Das ich das heute so hervorhebe, ist ein wenig witzig, war doch der Almanach vor 200 Jahren das Medium schlechthin in Europa. Ursprünglich als astrologisches Jahrbuch entwickelt, war es bald populär auch Nachrichten und kurze Textchen in den Almanachen zu integrieren, woraus sich dann der Musenalmanach entwickelte und die Kaffeetischchen der feinen Gesellschaft überschwemmte.

Ein Ferdinand Johannes Witt mutmaßte jedoch im Politischen Taschenbuch von 1831, dass sich kaum jemand aus eigenem Wünschen heraus diese Anthologien zulegte, sondern diese vielmehr wie heutige, unsägliche Bildbände hervorragend einfallslose Geschenke darstellten. Er beklagte eine regelrechte Almanachomanie: „Wenn das Fieber einmal eine Gegend heimgesucht hat, kehrt es alle Jahre wieder, ohne daß es darum doch eigentlich endemisch geworden, die Luft, die Jahreszeit, bringt es nun mal mit sich. So geht es auch mit der Almanachomanie, und unbgreiflich ist es, wie diese Ephemera sich zu erhalten vermögen, da der größte Teil derselben nichts Gutes hat, als den Einband. Die Kosten der äußeren Ausstattung sind so bedeutend, daß wenige Verleger etwas Tüchtiges auf den Inhalt zu wenden begehren, der daher einigen Novellisten von Profession, vorzüglich aber einer Anzahl schreibseliger Damen anheim gefallen.“[1] Ich freue mich, dass unsere Redaktion gegenteilige Herangehensweise an den Tag legt und den Inhalten den Vorzug gibt. Daran scheint es im 18. Jahrhundert tatsächlich gekrankt zu haben. Der Herausgeber des Wiener Musenalmanachs schmiss bereits 1779 das Handtuch nach gerade mal drei Ausgaben unter seiner Redaktion und begründete, es sei keine kleine Pein, allemal neun und neunzig poetische Kruditäten durchwühlen zu müssen, bis man endlich, wills Gott! an ein erträgliches Stückchen geräth.[2] Sollte sich uns jemals die Frage stellen, wären diese Sätze vielleicht eine Mahnung vor öffentlichen Ausschreibungen. Hingegen rührt mich diese absolute Offenheit, die eigenen Erzeugnisse bereits im Vorwort so schonungslos zu kritisieren. Auf dem Gipfel der Fremdscham erschien 1789 Dietrich Schofelschreck, Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs, mit seiner in selbigem veröffentlichten „Fürbitte eines ans peinliche Kreuz der Verlegenheit genagelten Herausgebers eines Musenalmanachs: Vergib, o Vater der neun Schwestern, / die unter deinem Lorbeer ruhn, / Vergib es denen, die dich nun / und immerdar durch Schofelwerke lästern: / Sie wissen ja nicht, was sie thun“[3]

Zwar glaube ich nicht, dass die Akademie jemals derart drastisch sich von den eigenen Inhalten wird distanzieren müssen, davor bewahrt uns schon der Laborcharakter vieler Unternehmungen. Doch wünsche ich uns an jedem angebrachten Moment eine ebenso offen- und leichtherzig formulierte Kritik, als Zweifel oder Gesprächsangebot. Denn genau dies bildet für mich die Basis unserer Akademie. Wir sind angetreten als Initiative, die sich aus sich selbst heraus begründet hat, um einen Gesprächsraum zu eröffnen. Dieser Weg scheint mir richtiger denn je. Im Gespräch bleiben, Haltung zeigen, Differenzen aushalten, sich vor Augen führen, dass man im Wesentlichen für die gleichen Ziele einsteht. Ich bemühe nochmals Platon, um das angemessene Pathos zu verdeutlichen: „Im Gespräch allein springt der Funke der Wahrheit unversehens in die Seele.“

 

[1] Ferdinand Johannes Witt: Die Almanachomanie. In: Politisches Taschenbuch. Hamburg 1831.

[2] Joseph Franz von Ratschky: Vorbericht. In: Wiener Musenalmanach. Wien 1779.

[3] Dietrich Schofelschreck (Alias Gottfire August Bürger), In: Göttinger Museumsalmanach. Göttigen 1789.